Das Tagebuch von Alton Reimer
Ein in Leinen gebundenes Notizbuch, 20 Seiten, Rücken gebrochen, Seiten wellig von Feuchtigkeit. Mehrere Seiten sind herausgerissen…
S. 1
14. Juni
Angekommen. Die Fähre ab Ringlep hat zwei Stunden Verspätung gehabt, was hier offenbar niemanden überrascht — ein älterer Herr am Kai meinte nur, das sei die planmäßige Verspätung, die außerplanmäßige käme im August.
Wimley Island ist genau das, was ich gebraucht habe. Grün bis an die Wasserkante, dahinter Berge, die auf den Fotos im Prospekt kleiner aussahen. Die Luft riecht nach heißem Stein und Salz. Zimmer im Seaward in Plington, dritter Stock, Balkon zur Bucht, 62 Pfund die Nacht mit Frühstück. Ich bleibe drei Wochen. Vielleicht vier.
Kein Telefon. Kein Verlag. Keine Deadlines. Nur ich, ein Notizbuch und die feste Absicht, in diesem Notizbuch nichts Vernünftiges zu schreiben. Wer was zu erzählen haben will, muss was erleben. Oder zumindest etwas leben.
Auf gehts zur Bar.
S. 2
Blue Paradise
Aus der Hotelbar des Seaward, mir von Denny verraten, nachdem ich behauptet hatte, ich sei Journalist. (Bin ich nicht. War ich mal.)
- 6 cl Malibu
- 6 cl Blue Curaçao
- 3 cl Weißer Rum
- 2 cl Ananassaft
- ein Spritzer Limettensaft
Alles auf Eis kräftig schütteln, in ein gekühltes Glas abseihen, mit Ananasscheibe garnieren.
Notiz: scheppert. Hatte 4 davon gestern, nur bedingt empfehlenswert.
S. 3
16. Juni
War baden. Der Strand südlich von Plington ist morgens fast leer, das Wasser ist absurd klar — man sieht den eigenen Schatten auf zwei Meter Tiefe auf dem Sand liegen.
Zwei Beobachtungen:
Erstens: Es gibt keine Möwen. Ich habe eine halbe Stunde lang keine einzige gesehen. Sonst sind diese Viecher überall, wo Menschen Essen mit sich tragen.
Zweitens: Am Ostende steht ein Schild, das ich nicht lesen konnte, weil es jemand mit weißer Farbe überstrichen hat. Nicht abmontiert. Überstrichen. Man erkennt noch die Umrisse der Buchstaben. Es waren viele.
Wahrscheinlich Badeverbot wegen Strömung. Ich frage bei Gelegenheit nach.
S. 4
Nudelauflauf für Leute, die Urlaub haben (4 Portionen)
- 400 g Penne oder Rigatoni
- 1 Zwiebel, 2 Zehen Knoblauch, 1 frische Chillischote
- 400 g Cherrytomaten
- 1 Becher Sahne
- 50 g Parmesan, 150 g geriebener Käse (Mozarella)
- 500 g passierte Tomaten
- 1 Bund Basilikum (frisch)
- Salz, Pfeffer, eine Prise Zucker
Nudeln zwei Minuten kürzer als angegeben kochen. Zwiebel, Chilli und Knoblauch in Öl anschwitzen, mit Tomaten ablöschen, 10 Minuten einkochen, Sahne unterrühren, würzen. Mit den Nudeln mischen, in eine Form geben, die Cherrytomaten ganz dazwischen, den Basilikum in großen Blättern ebenfalls, Käse drüber, 20 Minuten bei 200 °C, die letzten fünf Minuten mit Grill.
Funktioniert auch auf einer Hotelkochplatte, wenn man die Form in einen Topf mit Deckel stellt und Geduld mitbringt. Denny hat mir den Topf geliehen und dabei so geschaut, als hätte ich um sein Auto gebeten.
S. 5
19. Juni
War in der Stadt. Plington gefällt mir sehr — enge Gassen am Hafen, die plötzlich in eine viel zu breite Prachtstraße münden, als hätte jemand mit zwei verschiedenen Plänen gebaut und keiner wollte nachgeben.
Am Nachmittag lag auf der Straße ein Gutschein. Einfach so, auf dem Pflaster vor der Post, unbeschädigt, nicht nass, obwohl es morgens geregnet hatte. Ich habe eine Weile gewartet, ob jemand danach sucht. Niemand.
Also habe ich ihn eingesteckt. Man wird ja wohl noch Glück haben dürfen.
S. 6
Ein Stück steifes, cremefarbenes Papier, an den Ecken mit Klebestreifen eingeklebt. Der Aufdruck ist in einem altmodischen Schreibmaschinen-Font gehalten.
THE TIDE & LANTERN
Strandbar — Plington, Südpromenade, hinter den Bootshäusern
Dieser Gutschein berechtigt den Überbringer zu einem (1) Getränk nach Wahl.
Einlösbar nach Sonnenuntergang. Nicht übertragbar. Keine Barauszahlung.
Wir behalten uns vor, Gäste ohne Angabe von Gründen abzuweisen.
Gültig bis: — (das Feld ist leer geblieben)
Auf der Rückseite, mit Kugelschreiber, nicht Altons Handschrift:
Komm allein.
S. 7
Summerstar
Meine eigene Erfindung, hatte etwas ähnliches in der Tide & Lantern gestern. Leider wollten die Hohlköpfe dort mir das Rezept nicht verraten, daher die Eigenkreation. Denny hat sie probiert und gesagt, ich solle beim Schreiben bleiben.
- 4 cl Gin
- 2 cl Aperol
- 3 cl frisch gepresster Grapefruitsaft
- 1,5 cl Zitronensaft
- 1,5 cl Zuckersirup
- Sodawasser zum Auffüllen
- 2 Blätter Basilikum
Basilikum im Shaker leicht andrücken, alles außer Soda auf Eis schütteln, in ein Longdrinkglas mit frischem Eis abseihen, auffüllen. Grapefruitzeste darüber ausdrücken.
S. 8
Vier Sofortbilder, mit Fotoecken eingeklebt.
1. Ein Strandabschnitt bei Tageslicht, leer.
2. Ein Mann Mitte fünfzig, Sonnenbrand auf der Nase, hebt ein blaues Getränk in die Kamera. Vermutlich Alton selbst.
3. Ein älterer Mann im Anzug, barfuß, steht bis zu den Knöcheln im Wasser und blickt aufs Meer hinaus. Er ist weit weg, das Bild ist unscharf.
4. Dasselbe Motiv, gleicher Bildausschnitt. Der Mann ist nicht mehr da. Es sind keine Fußspuren im nassen Sand. Scheint nur Minuten später aufgenommen zu sein, die Sonne ist an der gleichen Stelle.
S. 9
23. Juni
Seltsame Vorkommnisse am Strand. Ich schreibe das jetzt so nüchtern wie möglich auf, weil ich mir in einer Woche nicht einreden möchte, ich hätte übertrieben.
Gegen elf kamen drei Männer in gelben Westen den Strand entlang. Keine Rettungsschwimmer, keine Polizei — auf den Westen stand nichts. Sie haben die Leute gebeten, das Wasser zu verlassen. Höflich, aber ohne Begründung, und als eine Frau nachfragte, hat der Vorderste nur wiederholt: „Bitte verlassen Sie das Wasser." Wortgleich. Dreimal.
Der Strand war in zwanzig Minuten leer. Sie haben Absperrband gespannt — nicht rot-weiß, sondern durchgehend blau, ohne Schrift — und sind dann einfach stehen geblieben. Mit dem Rücken zum Meer. Sie haben aufs Land geschaut, nicht aufs Wasser.
Um vier war das Band weg. Kein Schild, keine Zeitungsmeldung, nichts. Ich habe abends an der Rezeption gefragt. Die Antwort war: „Ach, das machen die manchmal."
Das machen die manchmal.
S. 10
25. Juni
Manche Dinge kommen mir zunehmend suspekt vor. Ich habe angefangen, Dinge zu zählen, was vermutlich ein schlechtes Zeichen ist. Denny meint ich soll aufpassen das ich meinen Urlaub nicht zur Arbeit mache. Na ja. Folgendes ist meinem journalistischen Scharfsinn aufgefallen:
- Vier Straßenlaternen an der Uferpromenade sind kaputt. Alle vier auf demselben Abschnitt. Seit mindestens acht Tagen.
- Der Kiosk am Busbahnhof hat drei verschiedene Öffnungszeiten-Schilder, alle handgeschrieben, keines gültig.
- In der Bibliothek von Plington fehlt der Jahrgang 2018 der Lokalzeitung. Nicht ausgeliehen. Der Ordner ist da, er ist leer. Warum ist mir völlig unklar, immerhin ist 2018 erst 5 Jahre her.
- Niemand hier sagt „im Wald". Alle sagen „da oben" oder „hinten raus". Auch die Leute, die in Woodlift wohnen, das mitten im Wald liegt.
Vielleicht ist das alles nichts. Kleine Inseln sind schrullig, das ist Teil des Geschäftsmodells. Aber ich habe fünfzehn Jahre für die Lokalpresse geschrieben, und ich kenne den Unterschied zwischen unordentlich und aufgeräumt.
Hier ist etwas aufgeräumt worden.
S. 11
Vergilbtes Zeitungspapier, sauber ausgeschnitten, eingeklebt. Kopfzeile handschriftlich ergänzt: „Wimley Herald, 4.4.2018 — aus der Bibliothek, Kopie von Kopie, Original fehlt."
Suche nach Ehepaar im Hinterland eingestellt
PLINGTON. Die Suche nach dem seit dem 22. März vermissten Ehepaar aus Rumin ist am gestrigen Dienstag offiziell eingestellt worden. Die beiden waren zu einer Tageswanderung aufgebrochen und nicht zurückgekehrt.
Einsatzkräfte hatten das Gebiet über neun Tage abgesucht. Gefunden wurden ein Rucksack sowie beide Paar Wanderschuhe, letztere etwa 400 Meter voneinander entfernt und ordentlich nebeneinandergestellt.
Ein Sprecher der Inselpolizei erklärte, es gebe „keinerlei Hinweise auf ein Fremdverschulden". Auf die Frage nach der Fundlage der Schuhe verwies er auf laufende Ermittlungen. Auf die Frage, welche Ermittlungen bei einer eingestellten Suche noch liefen, wurde die Pressekonferenz beendet.
Angehörige kritisieren, dass das Gebiet nördlich der alten Forststraße nie durchsucht worden sei. Die Polizei bezeichnete den Bereich als „aus Sicherheitsgründen nicht begehbar".
Am Rand, Altons Handschrift: Welche Sicherheitsgründe? Da ist nichts. Ich war da. Da ist NICHTS.
S. 12
Offenbar eine abgeschriebene Zusammenstellung, teils aus einem Wanderführer, teils eigene Ergänzungen.
Aus dem Führer „Wimley zu Fuß" (3. Auflage):
- Krokodile. In den Flussmündungen im Süden und in den Brackwasserlagunen. Nicht ans Ufer treten, wo Sichtweite ins Wasser unter einem Meter liegt. Angriffe sind selten, aber immer aus dem Hinterhalt.
- Schlangen. Mehrere Giftarten, die meisten dämmerungsaktiv. Feste Schuhe, Stock, laut gehen. Nicht in Totholz greifen.
- Makaken. Aggressiv gegenüber Essbarem. Nicht füttern, nicht in die Augen sehen, keine Zähne zeigen (wird als Drohgebärde gelesen).
- Wildkatzen. Scheu, praktisch nie gesichtet. Keine dokumentierten Angriffe.
Meine Ergänzungen:
- Manche Makaken hier sehen aus wie auf den Fotos im Führer. Die anderen nicht.
- Die anderen. Ich habe kein besseres Wort. Größer als eine Katze, kleiner als ein Mensch. Gehen auf vier Beinen, aber falsch — als hätte man einem Tier beigebracht, wie man auf vier Beinen geht. Zu viele Gelenke im falschen Winkel. Alle Exemplare die ich sehe scheinen kleine Unterschiede zu haben, aber mit allen ist irgendetwas falsch. Zu viele Krallen, zu viele Gelenke, falsche Fellzeichnung. Als hätte jemand einen Makaken schlecht gefälscht.
S. 13
Superschnelle Reispfanne (2 Portionen, 15 Minuten)
- 250 g gekochter Reis vom Vortag (frisch gekochter wird matschig)
- 2 Eier
- 1 Karotte, 1 Paprika, 2 Frühlingszwiebeln, alles klein
- 2 Zehen Knoblauch, Daumen Ingwer
- 3 EL Sojasauce, 1 TL Sesamöl, 1 EL Öl zum Braten
- optional: Erbsen, Reste von allem
Pfanne sehr heiß. Eier verquirlt hineingeben, stocken lassen, herausnehmen, grob zerteilen. Gemüse zwei Minuten scharf anbraten, Knoblauch und Ingwer 30 Sekunden mit, Reis dazu, mit dem Wender flach drücken, eine Minute liegen lassen, dann wenden. Sojasauce am Pfannenrand entlang eingießen. Ei zurück, Sesamöl, Frühlingszwiebeln, fertig.
Der Trick ist, nicht zu rühren. Rühren macht Brei. Man muss es in Ruhe lassen und darauf vertrauen, dass es von selbst gut wird.
(Darunter, sehr viel später, mit Bleistift:) Das ist übrigens auch ein Ratschlag fürs Leben, den ich hätte befolgen sollen.
S. 14
Eingeklebter Zeitungsauschnitt, darüber handschriftlich: Wimley Herald, 23.5.2018. Kopie von Kopie, Original fehlt. Danke an M für die Hilfe.
Todesfall in Wohnhaus: Polizei sieht keinen Anlass für Ermittlungen
PLINGTON. Im Fall des am Montag in seiner Wohnung in der Harbour Row aufgefundenen 34-jährigen Mannes hat die Inselpolizei mitgeteilt, dass keine Ermittlungen aufgenommen werden.
Nachbarn hatten die Beamten alarmiert, nachdem über mehrere Tage „Geräusche" aus der Wohnung gedrungen seien. Eine Nachbarin, die namentlich nicht genannt werden möchte, beschreibt diese als „nicht menschlich, aber irgendwie sprechend".
Die Wohnungstür war von innen verriegelt, die Fenster geschlossen. Zur Todesursache machte die Polizei keine Angaben. Ein Obduktionsergebnis liege vor, sei aber „nicht für die Öffentlichkeit bestimmt".
Der Bruder des Verstorbenen, der eigens angereist war, wurde nach eigenen Angaben nicht in die Wohnung gelassen und noch am selben Abend zur Fähre begleitet. Auf Anfrage teilte die Pressestelle mit, es handle sich um „eine abgeschlossene Angelegenheit ohne öffentliches Interesse".
Am Rand: Verriegelt von innen. Fenster zu. Und trotzdem keine Ermittlung. Das ist kein Schlamperei-Muster. Das ist ein Verfahren. Jemand hat dafür ein Formular.
S. 15
1. Juli
Ich habe beschlossen, Nachforschungen anzustellen.
Das ist ein lächerlicher Satz für einen Mann, der hergekommen ist, um drei Wochen lang nichts zu tun. Aber ich kann nicht mehr baden gehen, ohne die Uhr im Blick zu behalten, und ich kann nicht mehr abends auf dem Balkon sitzen, ohne zu horchen, wann der Wald aufhört zu rauschen.
Also: methodisch. So wie früher.
Was ich weiß:
- Es verschwinden Menschen. Regelmäßig genug, dass es ein Wort dafür gibt — „hinten raus gegangen".
- Die Behörden ermitteln nicht. Sie verwalten. Warum weiß ich nicht, aber es fällt auf.
- Es gibt eine Tierart, die in keinem Buch steht.
- Ich bin nicht der Erste, der das merkt. Der Jahrgang 2018 fehlt nicht zufällig.
Was ich brauche:
- Jemanden, der lange genug hier lebt und wenig genug zu verlieren hat.
- Zugang zu den Orten, an denen nicht gesucht wurde.
- Einen Grund, warum ich der einzige Tourist auf dieser Insel bin, dem irgendetwas seltsam vorkommt.
Ich habe die Rückfahrt storniert.
S. 16
3. Juli
Ich bin umgezogen. Ich bekam das Gefühl nicht los, dass mein Hotelzimmer nicht gereinigt wird, sondern durchsucht. Ständig sind Dinge verschoben, die eine redliche Reinigungskraft niemals anfassen müsste. Dieses Buch inklusive.
Da sich meine Rückreise eh bis auf weiteres erledigt hat, habe ich eine kleine Bude in der Harbour Row gemietet. Ja, diese Harbour Row. Vielleicht finde ich ja noch raus woran der Kerl wirklich gestorben ist. Nicht die schönste Gegend, aber wenigstens nicht teurer, und der Vermieter stellt nicht zu viele Fragen. Der Umzug war in einem Tag erledigt, viel habe ich ja eh nicht dabei.
Denny werde ich vermissen, die Bar im Seaward auch. Wir werden uns wahrscheinlich seltener sehen, auch weil ich nicht sonderlich geneigt bin nachts angetrunken durch die Harbour Row zu spazieren.
S. 17
In sauberer Reinschrift, offenbar mehrfach überarbeitet — als hätte Alton diese Liste für sich selbst als Ritual aufgestellt.
Jeden Abend, in dieser Reihenfolge. Keine Ausnahmen, auch nicht wenn es albern wirkt. Besonders dann nicht.
- Ein Ausgang, nicht zwei. Badezimmerfenster schließen und den Riegel prüfen. Ein zweiter Weg hinein ist kein zweiter Weg hinaus.
- Salz auf die Fensterbank, nicht vor die Tür. Die Tür benutzen Menschen. Menschen sind das kleinere Problem.
- Der Stuhl unter die Klinke. Nicht weil es hält — es hält nicht —, sondern weil es Lärm macht. Man will nicht sicher sein, man will geweckt werden.
- Spiegel abhängen. Ein Handtuch reicht. Ich weiß nicht, ob es hilft. Ich weiß, dass ich seitdem schlafe.
- Licht im Bad an, Tür einen Spalt. Nichts ist schlimmer, als im Dunkeln entscheiden zu müssen, ob man etwas gehört hat.
- Nichts Essbares offen. Auch kein Obst. Vor allem kein Obst.
- Schuhe neben das Bett, geschnürt. Wer barfuß rausrennt, kommt zwei Kilometer weit.
- Nicht antworten. Wenn nachts jemand deinen Namen sagt: Es kennt deinen Namen, weil es dich reden gehört hat. Es weiß nicht, ob du da bist. Antworte, und es weiß es.
S. 18
5. Juli
Ich fühle mich ständig beobachtet.
Ich weiß, wie das klingt. Ich habe genug Leute interviewt, die das gesagt haben, und ich habe dabei immer dieselbe Notiz gemacht: Person wirkt verwirrt, Aussage mit Vorsicht behandeln.
Also behandle ich mich selbst mit Vorsicht und schreibe nur auf, was überprüfbar ist:
- Der Mann mit der grünen Jacke stand am Dienstag am Kai, am Mittwoch vor der Bibliothek, am Donnerstag an der Bushaltestelle in Waderlef. Waderlef ist eine Stunde Fahrt. Ich habe den Bus genommen, weil ich sehen wollte, ob er auch fährt. Er ist nicht mitgefahren. Er war schon da.
- Es geht weiter, auch hier. Dinge bewegen sich. Hier gibt es keine Reinigungskraft, auf die ich es schieben könnte. Das Buch liegt jeden Abend anders. Nicht woanders — anders. Kante parallel zur Tischkante. Ich lege es nie parallel hin. Niemand legt Bücher parallel hin.
- Seit ich in der Bibliothek nach 2018 gefragt habe, wirkt irgendetwas anders. Ständig bietet man mir etwas an, um meine Zeit zu vertreiben. Ausflüge, Ermäßigung im Museum, eine eigene Liege am Strand. Man scheint mich ablenken zu wollen.
DAS BUCH LIEGT PARALLEL.
S. 19 — fehlt
Die Seite wurde sauber herausgeschnitten.
S. 20 — fehlt
Ebenfalls sauber, vermutlich mit einer Schere, herausgeschnitten.
Innenseite des Umschlags, hinten
Hinten in den Umschlag ist hastig eine Nachricht gekritzelt, die Tinte ist anders als im restlichen Buch.
Wenn das hier jemand liest, gehören mir diese Zeilen nicht mehr. Ob ich entkommen oder verstorben bin kann ich noch nicht wissen. So bleibt mir nur mein Wissen mit jemandem zu teilen, der besser ist als ich. Die fehlenden Seiten dieses Buches und mein weiteres Wissen findest Du in den Wänden meiner Wohnung. Ich hoffe du findest es schneller als sie.
Ich stelle Dir eine Bedingung, und ich meine sie ernst: Sei bereit bis zum Erfolg zu kämpfen, gegen Mächte die Du nicht verstehst, oder verschwinde so schnell wie du kannst. Nichts dazwischen. Das Dazwischen ist genau der Ort, an dem sie einen holen — wenn man liest, aber nicht handelt.
Ich habe zu spät verstanden, dass Neugier hier kein Charakterzug ist, sondern ein Schicksal.
— A. R.
Darunter, in anderer Tinte, deutlich später hinzugefügt und mehrfach nachgezogen:
ES ZÄHLT NICHT WAS DU SIEHST. ES ZÄHLT WER DICH DABEI SIEHT.